Charta Industriekultur NRW



verabschiedet auf der Konferenz
„Industriekultur 2020. Positionen und Visionen für
Nordrhein-Westfalen“

am 11. November 2011 in Dortmund
(Ergänzte Endfassung: Mai 2012)



Wie in kaum einer anderen Region in Europa hat die Industrialisierung das Gesicht und die Identität von Nordrhein-Westfalen, seinen Landschaften und seinen Mentalitäten in charakteristischer Weise tief geprägt. Stätten der Industriekultur sind in allen Regionen des Landes in unterschiedlicher Quantität und Qualität anzutreffen. In den letzten Jahrzehnten haben zahlreiche Akteure durch ihre Aktivitäten zur Bewahrung des industriellen Erbes dazu beigetragen, dass eine einmalige industriekulturelle Landschaft mit Industriemuseen, denkmalgeschützten Erinnerungsstätten der Industrie, Arbeit und Technik, Symbolen des Strukturwandels und Spielstätten für die Kultur der Gegenwart entstanden ist. Industriekultur ist das Alleinstellungsmerkmal für ganz Nordrhein-Westfalen. Sie ist damit auch ein wichtiger Teil des nationalen Kulturgutes.

Die Akteure der Industriekultur sind einem breiten Begriff der Industriekultur verpflichtet, der nicht nur die unmittelbaren Hinterlassenschaften und Sachzeugen der Industriegeschichte umfasst, sondern auch das der Industrie zugehörige Umfeld mit den daraus entstandenen infrastrukturellen, städtebaulichen, sozialen, politischen sowie alltagskulturellen Zeugnissen. Einbezogen sind auch immaterielle Zeugnisse wie persönliche Erinnerungen und gesellschaftliche Überlieferungen. Zur Industriekultur gehören alle Aktivitäten des Bewahrens und Nutzens dieser Hinterlassenschaften sowie deren Deutung und Vermittlung durch interdisziplinäre Bemühungen aller Art, d.h. auch als Teil einer regionalen, in den Kommunen verankerten Geschichtskultur.

Nordrhein-Westfalen ist unverändert ein hochentwickeltes Industrieland, dessen industrielles Erbe das Fundament gegenwärtiger und künftiger Wirtschaftsentwicklung darstellt und einen unverzichtbaren Ausgangspunkt für nachhaltige Entwicklungsprozesse in den Städten und Regionen bietet. Zentrale Handlungsfelder der Industriekultur in Nordrhein-Westfalen sind Denkmalpflege, Stadterneuerung, Landschaftsplanung, Kulturentwicklung und Tourismus.

Vielen Bereichen und Projekten der Industriekultur in Nordrhein-Westfalen kommt eine international anerkannte Pionier- und Vorbildfunktion zu; hierzu zählen u.a. der Aufbau der Industriedenkmalpflege und der Industriemuseen durch die Landschaftsverbände, die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park, die Gründung der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, der Aufbau der Route der Industriekultur durch den Regionalverband Ruhr, die Entwicklung von Industriedenkmälern zu Spielstätten der Kultur sowie die Einrichtung des Portals der Industriekultur auf dem Welterbe Zollverein in Essen.

Um die international führende Position der Industriekultur in Nordrhein-Westfalen auch zukünftig zu halten und weiter auszubauen, bedarf es kontinuierlicher und weiterer Anstrengungen aller Beteiligten. Die vom Land berufene „Arbeitsgruppe Industriekultur NRW“ hat zur Erreichung dieses Ziels Schwerpunkte mit besonderem Handlungsbedarf herausgearbeitet, für die nachfolgende Empfehlungen gegeben sowie Selbstverpflichtungen angeregt werden:

(Industrie-)Kulturlandschaft erhalten und verantwortungsvoll weiterentwickeln
Die Kulturlandschaft, die uns heute in ihren vielfältigen Ausprägungen umgibt, ist das Ergebnis vieler Generationen der Besiedlung und Nutzung des Landes. Nordrhein-Westfalen umfasst zahlreiche unterschiedliche Kulturlandschaften mit jeweils charakteristischen Eigenarten. Besonders im Ruhrgebiet, aber auch in zahlreichen anderen Regionen des Landes, stellt die Industrialisierung eine wichtige raumprägende Phase der Kulturlandschaftsentwicklung dar, die wesentlich zur Identität der Region beiträgt. Alle an der (Landes-) Planung Beteiligten sind aufgefordert, die Ablesbarkeit der industriekulturellen Charakteristika in der Kulturlandschaft zu erhalten, sie verantwortungsvoll zu gestalten und weiterzuentwickeln.

Industriedenkmäler als Impulse für Stadtentwicklung nutzen
Industrielle Bereiche prägen die Stadtentwicklung in weiten Teilen des Landes; oft waren sie der Ausgangs- und spätere Mittelpunkt von Siedlungsentwicklungen. Die mit dem Strukturwandel einhergehenden Stilllegungen führen immer noch oft zum Abbruch der einstigen Wahrzeichen. Dabei zeigen zahlreiche Beispiele, dass die Erhaltung des industriellen Erbes und dessen Integration in neue städtische Entwicklungen gelingen und zur Wahrung regionaler Identitäten, zur Imagebildung und zur Wertschöpfung beitragen kann. Eigentümer, Entwickler, Investoren und Kommunen werden daher ermutigt, sich den oftmals besonderen Herausforderungen bei der Erhaltung und Umnutzung von Industriedenkmälern zu stellen und deren Potenzial als Impuls für die Stadtentwicklung zu nutzen.

Unternehmen einbinden
Industriegeschichtliches Erbe wird im Sinne einer modernen Unternehmenskultur auch von Unternehmen bewahrt und fortgeschrieben. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass die denkmalgerechte Erhaltung historischer Gebäude und Anlagen mit modernen Produktionsabläufen vereinbar ist. Als Teil der Firmengeschichte verstanden kann sie vor allem im klein- und mittelständischen Bereich einen wichtigen Beitrag zur Industriekultur leisten. In Wert gesetzte Zeugnisse der Industriegeschichte tragen zur Attraktivitätssteigerung des Umfeldes bei und verweisen auf die Tradition des Unternehmens. Die unternehmerischen Akteure werden daher ermutigt, sich an den Anstrengungen zur Bewahrung des industriellen Erbes zu beteiligen.

Mit industriellem Erbe denkmalgerecht umgehen
Der Erhalt und die Nutzung von Denkmälern des Industriezeitalters stellt die Denkmalpflege immer wieder vor neue Herausforderungen. Dies gilt insbesondere für die großen, oft nur für eine zeitlich begrenzte Nutzung konzipierten Anlagen der Montanindustrie sowie für technisch aufwändige Verkehrsbauten. Notwendig sind hier die Erarbeitung angemessener Strategien und individuelle Lösungen sowie die Fortschreibung der klassischen denkmalpflegerischen Grundsätze.

Authentische Orte erhalten
Industriekultur ist am besten an original erhaltenen Orten und Objekten erlebbar. Daher ist bei der Instandsetzung und Nutzung von Industriedenkmälern die Bewahrung der Authentizität anzustreben. Bei kultureller Neunutzung trägt ein historischer Standort zur touristischen Attraktivität bei; zudem sollten angemessene Vermittlungs- und vielfältige Präsentationsformen entwickelt und eingesetzt werden.

Wissen bewahren und kompetent vermitteln
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, alles verfügbare mündliche, schriftliche, bildliche und dingliche Wissen über Industriekultur zusammenzutragen, zu bewahren und zu vermitteln. Industriemuseen, aber auch touristisch erschlossene Industriedenkmäler sollten die „erzählte Geschichte“ überzeugend in ihre Standortpräsentationen integrieren. Überdies sollte Industriekultur stärker im Lern-, Lehr- und Forschungskanon von Schulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen verankert sein sowie zum Bildungsauftrag von Volkshochschulen und modernen Medienzentren gehören.

Technikbegeisterung wecken
Didaktisch aufbereitete industriekulturelle Standorte, vornehmlich Industriemuseen, bieten eine Vielfalt abwechslungsreicher und spannender außerschulischer Lern- und Erfahrungsorte. Sie sind hervorragend geeignet, Kindern und Jugendlichen technische Prozesse näher zu bringen und Funktion und Zweck technischer Geräte und Anlagen zu demonstrieren. Die Standortträger sollten diese Möglichkeiten einsetzen, um so das Interesse an Technik und technischen Berufsfelder zu wecken.

Qualitätsstandards einhalten
Ziel ist eine Verpflichtung aller Akteure, gemeinsam vereinbarte und garantierte Qualitätsstandards einzuhalten bei

  • dem in denkmalpflegerischer, musealer und archivalischer Hinsicht fachgerechten Umgang mit den 
       historischen Sachzeugen
  • der Einhaltung wissenschaftlicher Standards in Dokumentation und Interpretation,
  • der alle gesellschaftlichen Gruppen ansprechenden, zielgruppengerechten Vermittlung und
  • den Dienstleistungen für Besucher und Nutzer industriekultureller Einrichtungen; die Teilnahme an
       der Initiative „ServiceQualität Deutschland in NRW“ wird empfohlen.

Ehrenamtliches Engagement stärken
Industriekultur lebt in besonderem Maße durch ehrenamtliches Engagement: „Ehemalige“ bringen ihr Fachwissen über Produktionsabläufe oder die Standortgeschichte(n) bei der Denkmalerhaltung oder der Besucherbetreuung ein; am Thema oder an einem Objekt Interessierte initiieren und wirken an der Erforschung, Erhaltung, Instandsetzung, Unterhaltung und Vermittlung des industriellen Erbes mit. Die öffentliche Hand ist gefordert, dieses ehrenamtliche Engagement finanziell und ideell zu unterstützen. Einzelpersonen, Initiativen, Vereine und Verbände werden ermutigt, sich für Industriekultur zu engagieren bzw. ihr Engagement fortzusetzen.

Industriekulturtourismus fördern
Zahlreiche industriekulturelle Objekte haben als Einzelstandort oder im Verbund regionaler Netzwerke hohes touristisches Potenzial. Dies gilt für die Route der Industriekultur und ihre Ankerpunkte im Ruhrgebiet ebenso wie für andere Standorte bzw. Regionen im Lande. Die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren der Industriekultur sowie des Tourismus auf Landes-, regionaler sowie lokaler Ebene ist zu intensivieren mit dem Ziel, gemeinsam qualitätvolle industrietouristische Produkte zu entwickeln, zu bewerben und zu vermarkten. Die Einbindung der nordrhein-westfälischen Standorte und regionalen Routen in die Europäische Route der Industriekultur ist zu verstetigen.

Dachmarke „Industriekultur NRW“ entwickeln
Zur Wahrnehmung der Industriekultur in Gesellschaft und Politik braucht das Thema einen starken Auftritt seiner Akteure und eine gemeinsam kommunizierte Dachmarke „Industriekultur Nordrhein-Westfalen“,die die differenzierten regionalen industriekulturellen Identitäten berücksichtigt. Die hierzu notwendigen Aktivitäten werden durch die „Arbeitsgruppe Industriekultur NRW“ gemeinsam mit den regionalen Netzwerken erarbeitet, initiiert, koordiniert und begleitet. Hierbei werden auch Träger- und Netzwerkstrukturen erörtert.

 


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